10.06.2020

Folge 3: Ein Herz und eine Seele

Podcast

0  Kommentare

​In diesem Beitrag erfährst du

  •  was Pfingsten zum wichtigsten kontemplativen christlichen Fest macht
  •  warum der heilige Geist befreit, entspannt und erkennen lässt, wer wir sind
  • und der gewöhnliche Alltagsgeist stresst und das Leben eng macht ​
  • ​ warum Pfingsten auf einer Erkenntnis oder Einsicht beruht
  •  wie Meditation den heiligen Geist hier und jetzt erfahren lässt

​Den Beitrag jetzt anhören

​Der biblische Text zu diesem Beitrag

Apostelgeschichte 4, 32-35: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Ist Gütergemeinschaft realistisch?

​​Ertappst du dich auch dabei, diesen Bericht von der Gütergemeinschaft der ersten Christen für viel zu schön zu halten, um wahr zu sein?

Ist es wirklich realistisch, dass die ersten Christen alles zusammengelegt haben, was sie hatten? Die Apostelgeschichte erzählt, dass sie Land und Häuser verkauften und mit dem Erlös gemeinsam wirtschafteten. Am Ende gehörte Alles allen und niemand musste Mangel leiden.

Auf den ersten Blick klingt das wie ein sozialistischer Traum. Von solchen Träumereien ist die Geschichte voll. Jedes Mal sind die Träume am Egoismus der Einzelnen zerplatzt. So bereits in der Apostelgeschichte. Gleich nach unserem Abschnitt erzählt sie, wie Hananias und Saphira sich der Gütergemeinschaft verweigerten.

Oder der Traum zerplatzte am Egoismus der neuen sozialistischen  Gemeinschaften und Parteien, die versuchten, den Traum von der sozialen Gütergemeinschaft politisch durchzusetzen. Das aber funktioniert nicht.

Was fangen wir mit dieser Geschichte an?

Offenbar geht es ihr nicht darum, zu schildern, wie man politische und gesellschaftliche Gerechtigkeit einführen könnte. Hier wird kein kommunistisches Manifest veröffentlicht.

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen gründet auf einer spirituellen Realität. Das möchte ich genauer betrachten.

Die vorausgegangene Pfingstgeschichte erzählt, wie Menschen mit verschiedenen Sprachen und unterschiedlichen Herkünften auf einer tieferen Ebene erkennen, dass sie verbunden und eins sind. Das sei die Wirkung des heiligen Geistes, so die Pfingsterzählung.

Darunter sollte man sich nichts Besonderes vorstellen.

Der heilige Geist ist der natürliche Geist

Er erkennt, wer wir Menschen eigentlich sind.

Davon unterscheiden können wir den Alltagsgeist. Der Alltagsgeist beschäftigt sich mit Themen, die alle darum kreisen, wer „ich“ bin. Er dreht sich um „meine“ Geschichte, „meine“ Kränkungen, „mein“ Überleben, „mein“ Eigentum, „meine“ Religion. Statt „mein“ können wir auch „unser“ sagen, denn es gibt natürlich auch den Egoismus von Gruppen, Religionen, Weltanschauungen Völkern und Rassen. Das nennen wir Ideologie, Nationalismus oder Rassismus.

Der Alltagsgeist ist der Geist des Egos. Mit Ego meine ich die Persönlichkeitsstrukturen, die darauf hinauslaufen, dass sich alles um die eigene Person oder die eigene Gruppe dreht. Die wird als Mittelpunkt der Welt erlebt. Die Sichtweise des Egos ist beschränkt auf die oberflächlichen Merkmale und Unterschiede, die wir mit den Augen sehen und mit den Ohren hören können. Diese begreifbare und beschreibbare Welt hält der Alltagsgeist für alles, was es zu erkennen gibt. Und in dieser Welt überlebt das Ego nur, indem es sich gegen andere Egos behauptet und durchsetzt. Ja, es entsteht überhaupt erst durch die Abgrenzung.

Mit dem Herzen sehen

Der heilige oder natürliche Geist sieht, was die Augen nicht sehen und die Ohren nicht hören können. Er sieht tiefer. Er sieht mit dem Herzen. So wie der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery den kleinen Prinzen sagen lässt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Sieht man mit dem Herzen ins Herz der Dinge, der Formen und Lebewesen, dann sieht man: alles ist eins. Man sieht, dass hinter den oberflächlichen Unterschieden alles mit allem verbunden ist. Man weiß: wir haben alles gemeinsam. Niemand besitzt irgendetwas für sich alleine. Die ganze Welt ist ein Organismus oder ein Leib, wie Paulus sagt. Die Unterschiede beziehen sich nur auf die Glieder des Leibes. Der Leib ist einer.

Der heilige oder natürliche Geist lässt Jesus sagen, er sei „eins mit dem Vater.“ Vater steht hier symbolisch für die Quelle des Lebendigen.

Gütergemeinschaft beruht auf spiritueller Einsicht

Was führt nun zu der Gütergemeinschaft, von der die Apostelgeschichte berichtet? Kein politisches Programm, sondern eine Erkenntnis oder Einsicht.

​An Pfingsten erkennen die Menschen, was an Ostern geschehen ist. Wir sind nicht das, wofür uns der Alltagsgeist erklärt. Wir sind Töchter und Söhne der einen Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

Die Apostelgeschichte kleidet das in die sprichwörtlich gewordene Redewendung: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“

Das liegt nicht daran, dass sich auf einmal alle sympathisch finden. Damit würden wir uns wieder mit Oberflächlichkeiten abgeben. Dann sagen wir z.B.: du bist nett und deshalb mag ich dich. Oder du gehörst zu meiner Gruppe und deshalb gehören wir zusammen.

„Ein Herz und eine Seele“ zu sein, beruht auf einer spirituellen Erkenntnis. Nämlich der Einsicht, dass Gott das Herz und die Seele aller Dinge und Lebensformen ist.

Wir sind Auferstandene schon vor dem Tod

Was ermöglicht diese Erkenntnis? Das formuliert die Apostelgeschichte so: „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“

Das bedeutet, die Apostel formulieren kein moralisches oder politisches Programm, wonach jetzt alle teilen sollen, was sie besitzen. Sie sehen tiefer in das Herz der Wirklichkeit, was hier gleichbedeutend ist mit der „Auferstehung des Herrn Jesus.“

Die Apostel „bezeugen“ die Wirklichkeit der Auferstehung. Das bedeutet, sie beruht auf einer Erkenntnis, die man nur „bezeugen“, nicht erarbeiten kann. Sie ist nicht historisch. Sie ist keine Oberfläche.

Die Auferstehung zu bezeugen, bedeutet, dass wir nicht sind, worauf uns der historische Alltagsgeist beschränkt: vergängliche Wesen mit einem Körper und einer begrenzten Persönlichkeit.

Was sind wir dann? Wir sind in Gott geboren. Und wir sterben auch darin. Das bedeutet, Geburt und Tod sind die zwei Seiten des einen Lebens. Wenn wir geboren werden, gebiert das Leben nicht „mich“, es gebiert Gott, der diese Form annimmt. Und wenn wir sterben, sterbe nicht „ich“, es stirbt Gott als diese vorübergehende Form. So ist das eine Leben ein ständiges Spiel von Werden und Vergehen und wir sind die Spielerinnen und Spieler. Willigis Jäger sagt: wir seien die Tänzerinnen und Tänzer der einen Wirklichkeit Gottes.

Das Leben tanzen

Dieser Tanz lässt die Menschen erkennen, wer sie ihrem Wesen nach sind. Das erst führt dazu, dass ihr soziales Verhalten sich grundlegend ändert. Die spirituelle Erkenntnis hat also große Auswirkungen auf der Ebene der sichtbaren Oberfläche des Lebens. Sie ist keine folgenlose Erkenntnis im stillen Kämmerlein.

Es ist sehr wichtig, das zu verstehen. Deshalb will ich noch einmal auf die Pfingstgeschichte eingehen. Sie erzählt, wie Jesus einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Das ist das, was die Augen sehen, die Ohren hören und in den Geschichtsbüchern aufgeschrieben ist.

Das Herz der Wirklichkeit erkennen

Mit dem Herzen betrachtet ist es anders: da hat der gewaltsame Tod keinerlei Macht. Deshalb erzählt die Pfingstgeschichte die Ostergeschichte noch einmal und sagt, Jesus sei auferstanden.

Was für einen Mehrwert bringt dann Pfingsten über Ostern hinaus? Jetzt geht es darum, dass wir Menschen das Herz der Wirklichkeit erkennen. Jetzt kommt es bei uns an und wir erkennen. Wir sehen die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Wir sehen unter die Oberflächen von Gewalt und Hass. Dort erkennen wir, dass wir verbunden sind.

Wir sehen die ganze Wirklichkeit. Die Herz-Wirklichkeit. Das bedeutet Pfingsten.

Einen meditativen Übungsweg gehen

Nun sagt sich das leicht. Um es wirklich zu erfassen und im Herzen ankommen zu lassen, gehen viele Menschen einen meditativen Übungsweg. Nicht aus Verpflichtung. Sie tun es, weil sie sich nicht mehr von den oberflächlichen Sichtweisen vereinnahmen lassen wollen.

Meditation ist ganz natürlich, ebenso wir der heilige Geist. Stellen Sie sich nichts Besonderes darunter vor. Es genügt vollkommen, aufrecht und bequem auf einem Kissen oder Stuhl zu sitzen und aufmerksam zu sein.

Ich darf mein Wissen, meine Erfahrungen, meine Erinnerungen und meine Sorgen vergessen und einfach nur da sein. Die Geschichten, die sich mein Ego erzählt, dürfen zur Ruhe kommen. Es gibt nichts zu begreifen, nichts zu erreichen, nichts zu kritisieren.

Auch die ersten Christen dürften meditiert haben, auch wenn das nicht ausdrücklich überliefert ist.

Meditation ist der Blick ins Herz der Wirklichkeit

Sie lässt erkennen, dass die Kreuzigung Jesu nur die Oberfläche ist. Der Schmerz darüber war groß. Aber mit Pfingsten kommt bei den Menschen an, was Jesus gelebt hat, nämlich ein Herz und eine Seele zu sein mit dem göttlichen Urgrund des Lebens.

​Deshalb wird möglich, wovon unsere Geschichte erzählt: auch auf der sozialen Ebene sind die Menschen ein Herz und eine Seele. Sie legen zusammen und teilen. Niemand grenzt sich ab. Und keiner wird ausgegrenzt.

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Der Blick wendet sich ab von den trennenden Unterschieden und richtet sich auf den Leib des Ganzen, in dem alles eins ist.

Unterschiede trennen nicht mehr

Diese Erkenntnis führt dazu, dass die Unterschiede nicht mehr trennen oder spalten. Sie sind einfach das Spiel des Lebens mit sich selbst. Die einzige Frage ist, ob wir gute Mitspieler des Lebens sind oder uns verweigern.

​Meditieren heißt: sich ohne Sicherheiten auf dieses Spiel vollkommen einlassen. Die Grenzen, die das Ego oder die Gruppe zieht, werden in der Meditation fallengelassen. Dabei gibt es niemand, der die Grenzen fallenlässt. Sie fallen einfach, weil man sie nicht mehr braucht.

In der Meditation bist du einfach da. Du bist kein „Ich“, das gerade meditiert. Du bist auch nicht jemand, der der gerade mit anderen teilt. Du bist einfach Ausdruck der Herz-Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

Meditation ist die Einübung in diese offene, weite und pfingstliche Haltung. Pfingsten ist das zentrale kontemplative christliche Fest. Das mündet in die soziale Genossenschaft.

Alle bekommen, was sie zum Leben brauchen. Wir Menschen sitzen an der Quelle der einen Wirklichkeit und sind mit ihr ein Herz und eine Seele.

Diese Beiträge könnten Dir auch gefallen:

Folge 7: Zwei Arten von Bewusstsein

Folge 8: Die Seele und ihre Familienmitglieder

Folge 6: Leer werden

Hinterlasse ein Kommentar:

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}