15.06.2020

Folge 4: Der Tod vollendet unsere Geburt

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In diesem Beitrag erfährst du

  • mehr über eine spirituelle Sicht auf Geburt und Tod
  • warum es hilft, das Spiel des Lebens mitzuspielen statt sich zu verweigern
  • ​wie Tod und Humor zueinander passen
  • was ich bei Beerdigungen immer wieder sage

Hier kannst du den Beitrag hören

​Petra war 62. Sie starb an Krebs. ​

​Bei ihrer Trauerfeier sagte ich: Unser persönliches Schicksal und unser Lebensweg ist das eine. Doch das ist nicht alles.

Mir hilft es, mich selbst einzuordnen in ein größeres Ganzes. Das gibt meiner Person ihre Würde und geht zugleich über die Grenzen meiner Person hinaus. Und vielleicht ist das jetzt eine Hilfe, um von Kathi Abschied nehmen zu können.

​Im Tod vollendet sich unsere Geburt

Zwei Ereignisse sind für unser Leben zentral: Geburt und Tod. Wie hängen die beiden zusammen?

Ich sehe es so: Im Tod vollendet sich unsere Geburt. Wenn wir sterben, fügen wir uns nicht in den Tod. Wir fügen uns ein in den Fortgang des Lebens.

Das Leben bewegt sich ständig weiter. Das geschieht durch Geburt und Tod. Leben und Tod sind nur scheinbare Gegensätze, die sich auszuschließen scheinen.

In Wirklichkeit sind sie - wie der positive und negative Pol des elektrischen Stroms – nur zwei Aspekte ein- und derselben Lebensdynamik. Gäbe es den einen Pol nicht, gäbe es auch den anderen nicht.

Im Tod gewinnen wir, was größer ist als unser Ich

Ohne Geburt kein Tod, ohne Tod keine Geburt. Im Sterben verlieren wir also nichts, wir gewinnen etwas. Wir gewinnen zurück, was größer ist als unser Ich mit seiner persönlichen Geschichte und ihren Krankheiten und Kränkungen.

Ob du das jetzt Gott oder Universum oder anders nennen möchtest, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass mit dem Sterben keine Türe zugeht, sondern sich eine öffnet.

Das Leben als sich schließendes Gefängnis?

Warum ist das wichtig? Solange wir glauben, dass zwischen Geburt und Tod eine Türe nach der anderen zugeht, bis schließlich im Tod auch noch die letzte Türe ins Schloß fällt, solange ist die Zeit zwischen Geburt und Tod wie ein Gefängnis, das sich immer mehr schließt, bis es am Ende keinen Ausweg mehr gibt.

Wir fangen an, uns dagegen zu wehren. Wir fühlen uns ausgeliefert und kämpfen gegen den drohenden Verlust des Lebens. Wir betrachten uns als isoliert, so als ob es nur das eine Leben gibt, nämlich das, was wir gerade führen. Wir sehen uns nicht mehr eingebettet in den Strom des ganzen Lebens, der weit über unsere Geburt und unseren Tod hinausreicht.

Und so geraten wir in einen Konflikt mit dem Leben. Da es sich wie ein Gefängnis anfühlt, das sich immer mehr schließt, sträuben wir uns gegen die Grenzen, die uns das Leben zieht.

Wir lehnen ab, was unserer Meinung nach nicht sein sollte, aber dennoch ist. Wir fliehen davor oder bekämpfen es. Am Ende fühlen wir uns benachteiligt, übersehen, ohnmächtig, hilflos. Jedenfalls fühlt es sich irgendwie nicht in Ordnung an, so zu leben, wie wir es gerade tun.

​Es liegt nicht an den Karten, sondern am Spiel

Wir fangen an, im Kaffeesatz des Lebens zu lesen, jedes Ereignis daraufhin zu untersuchen, ob es ein glückliches oder unglückliches war.

Die glücklichen Ereignisse waren die schmerzlosen, leichten und frohen. Die unglücklichen Ereignisse waren alle, die Schmerzen, Beschwerden und Kummer brachten. Ich bin heute nicht mehr überzeugt davon, solche Unterschiede machen zu können.

Wer gerne Karten spielt, weiß: „Es liegt nicht an den Karten, die du auf der Hand hast, sondern daran, wie du sie spielst.“

Wie also spielen wir mit dem Leben? Ein winziger Ausschnitt davon steht uns zur Verfügung. Die Zeit zwischen Geburt und Tod.

Mitspieler des Lebens sein

Wenn wir diese Zeit gut verbringen wollen, spielen wir am besten mit. Das bedeutet, wir nehmen jedes Blatt in die Hand und spielen mit den Karten, die uns das Leben in die Hand drückt

Zum Spiel gehören Sieg und Niederlage. Triumph und Ohnmacht. Die Jahre zwischen Geburt und Tod sind Spiel und Tanz.

Wenn wir uns diesem Spiel verweigern und schmollend daneben stehen, haben wir nichts davon. Wenn wir mitspielen, erfahren wir alle Höhen und Tiefen des Spiels, die dazu gehören. Und Kathi hat einiges davon erlebt.

Jeder Augenblick: eine Geburt und ein Tod

Wir erleben, wie jeder Augenblick eine Geburt ist. Und ein Tod. Etwas entsteht und etwas vergeht. Das ist insgesamt betrachtet ganz normal.

Erst wenn wir glauben, die Regeln des Spiels gelten ausnahmsweise für mein persönliches Lebens nicht, machen wir uns zu schlechten Mitspielern des Lebens.

Wir verweigern uns und finden das ganze Spiel nur doof und eine einzige Zumutung. Dass wir so reagieren, liegt aber nicht am Leben, sondern an unserer Weigerung, das Spiel des Lebens mitzuspielen.

Am Ende hat nicht das Leben ein Problem, sondern wir haben eines. Das zeigt sich z.B. daran, dass wir uns blockiert fühlen, gestresst, benachteiligt, missbraucht, gekränkt, frustriert.

Wir sind insgeheim voller Vorwürfe gegen das Leben, so wie es uns begegnet. Es fühlt sich an, als ob wir ständig dagegen ankämpfen, und es anders und vor allem besser haben wollen als es ist.

Der Kampf um ein besseres Leben

Diesen Kampf führen wir dann auch gerne gegen uns selbst, denn an uns selbst gibt es ja auch ständig etwas zu verbessern und zu optimieren.

Das Ergebnis ist, dass wir dem Leben und seinen natürlichen Unwägbarkeiten noch unseren Kampf hinzufügen, eins obendrauf setzen und sagen: „So wie du bist, gefällst du mir nicht, du solltest dich bitte ändern.“

Die vorübergehende Form des Lebens vergeht. Aber das Leben selbst – oder nenne es Gott oder wie auch immer – verkörpert sich erneut.

Diese Person besteht nicht dauerhaft

Es ist unwichtig, ob es zwischen der Form, die ich jetzt bin und der Form, die das Leben morgen annimmt, eine Verbindung gibt. Die Sehnsucht, diese Person möge dauerhaft bestehen, ist die egozentrische Sehnsucht des Ichs nach Beständigkeit.

Wir sagen: „Ich bin geboren“. Eigentlich müssten wir sagen: „Es – das Leben – ist als ich geboren.“

Wir sagen: „Ich sterbe“. Eigentlich müssten wir sagen: „Es – das Leben – stirbt gerade, jedenfalls in dieser Gestalt.“

Wenn wir so sprechen, sagen wir, dass unser Leben zwischen Geburt und Tod nichts anderes ist als eine Ausformung des ganzen Lebens – nenne es Gott oder anders. Es ist nicht mein Leben, das ich lebe, es ist das Leben Gottes oder nenne es anders.

Das ist unsere Wesensnatur. Das zu erkennen und in jedem Augenblick zu leben - dafür sind wir hier. Haben wir das in unserem Leben erkannt und realisiert, vollendet der Tod unsere Geburt.

Geboren wird immer nur das Leben selbst

Geboren wird immer nur das Leben selbst - kein Ich. In diesem Bewusstsein lässt sich, glaube ich, mit dem Leben frei und locker spielen.

Wir ergreifen die Chancen und lassen los, wenn sie vorüber sind. Ich glaube, Kathi hatte das verstanden. Sie wusste mit dem Leben zu spielen und sie hatte Humor.

Vielleicht würde es ihr gefallen, jetzt dieses Gedicht zu hören:

Ach! von Robert Gernhardt

Ach, noch in der letzten Stunde

Werde ich verbindlich sein.

klopft der Tod an meine Türe,

ruf ich geschwind: herein!


Woran soll es gehn? Ans Sterben?

Hab‘ ich zwar noch nie gemacht,

doch wir werd’n das Kind schon schaukeln –

na, das wäre ja gelacht!


Interessant so eine Sanduhr!

Ja, die halt ich gern mal fest.

Ach – und das ist ihre Sense?

Und die gibt mir dann den Rest?


Wohin soll ich mich jetzt wenden?

Links? Von Ihnen aus gesehn?

Ach, von mir aus! Bis zur Grube?

Und wie soll es weitergehn?


Ja, die Uhr ist abgelaufen.

Wollen Sie die jetzt zurück?

Gibt’s die irgendwo zu kaufen?

Ein so ausgefall’nes Stück


Findet man nicht alle Tage,

womit ich nur sagen will

-Ach! Ich soll hier nichts mehr sagen?

Geht in Ordnung! Bin schon 


​Eine kleine Meditation über Trauer und Schmerz

Am Ende der Trauerfeier leite ich gerne eine kleine Meditation an:

Wenn es keinen Ausweg gibt, dann gibt es zumindest einen Weg hindurch. Wende dich also nicht von deinem Schmerz ab. Sieh ihm ins Auge.

Fühle ihn durch und durch – aber denk nicht über ihn nach. Drücke ihn aus, falls nötig, ohne jedoch in Gedanken eine Geschichte daraus zu machen.

Richte deine gesammelte Aufmerksamkeit auf das Gefühl. Und nicht auf das Ereignis oder die Umstände, die scheinbar die Ursache waren.

Lass nicht zu, dass dein Denken den Schmerz dazu benutzt, um dir zu erzählen, dass du ein Opfer bist.

Gehe tief hinein in dein Gefühl. Sei wachsam. Spüre den Schmerz, den Kummer, die Einsamkeit, die Angst, oder was es ist. Bleibe gegenwärtig damit. Bleibe dem Leben zugewandt.

Es begegnet dir in jedem Augenblick ganz frisch und neu.

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