5.07.2020

Folge 6: Leer werden

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​Leer werden: In diesem Beitrag erfährst du

  • was genau es auf dem spirituellen Weg "loszulassen" gilt
  • warum "leer werden" kreativ und offen macht
  • was immer bleibt, wenn alles entsteht und vergeht

​Hier kannst du den Beitrag hören

​Was verstellt uns den Blick? Was gilt es loszulassen?

​Immer wieder ist vom "Loslassen" die Rede. Was meinen wir eigentlich damit? Wer lässt los? Und was genau kann losgelassen werden und was nicht?

​In erster Linie geht es dabei um unsere Vorlieben, Abneigungen, Pläne und Konzepte. An ihnen ist nichts falsch. Wir brauchen sie im Alltag, um uns zu orientieren. Doch wenn wir uns mit ihnen identifizieren, an ihnen festhalten, uns an sie klammern - dann behindern sie den lebendigen Fluss des Lebens.

​Unsere Bemühungen, das Leben kontrollieren zu wollen, führen dazu, dass wir dem Leben, so wie es sich entfaltet, Widerstand leisten. Das ist anstrengend.

​​Leer werden ist wie einen Brunnen graben

Ramana Maharshi vergleicht spirituelle Arbeit mit dem Graben eines Brunnens. Dabei heben wir eine tiefe Grube aus. Der leere Raum in dieser Grube macht den Brunnen aus.  Doch der wird nicht von dem geschaffen, der gräbt. ​Beim Graben entfernen wir nur die Erde, die den Raum ausgefüllt hat. Der Raum war vorher dort und ist es auch jetzt. 

Stille ist immer da

Ebenso ist es mit der Stille. Obwohl sie immer da ist, wird sie erst erfahrbar, wenn wir sie freilegen. Wie im Bild des Brunnens ist es notwendig, leer zu werden von dem, was den Raum der Stille anfüllt. Was ist das? Es sind unsere Vorstellungen und Konzepte vom Leben, unsere Vorlieben und Abneigungen.

Spirituelle Arbeit bedeutet: wegnehmen. Freilegen. Leer werden. Freiraum schaffen, damit wir nicht von dem blockiert werden, wofür wir uns halten. Das ist ziemlich anspruchsvoll. Denn schließlich geben uns die Konzepte Sicherheit und Halt.

​Johannes Tauler, ein Schüler Meister Eckharts formuliert es so:

"Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren und mache und halte seinen Tempel leer. Denn wäre der Tempel entleert, und wären die Fantasien, die den Tempel besetzt halten, draußen, so könntest du ein Gotteshaus werden, und nicht eher, was du auch tust. Und so hättest du den Frieden deines Herzens und Freude, und dich störte nichts mehr von dem, was dich jetzt ständig stört, dich bedrückt und leiden lässt."

Wer kümmert sich um unsere Arbeit?

Wenn wir die Bilder der Dinge und Konzepte loslassen, wer kümmert sich dann um unsere Arbeit und unsere Familie? - Kein Sorge. Auch jemand, der aus der Stille und der Leere lebt, kann sich um Alltägliches kümmern. Sogar viel gelassener und besser als jemand, der in Gedanken und Problemen verstrickt ist.

Während du jetzt gerade diese Zeilen liest oder meine Stimme hörst, funktioniert das ausgezeichnet. Du musst dich nicht extra darum kümmern. Du kannst darauf vertrauen, dass es klappt.

Die Dinge geschehen ohne Anstrengung

Wenn du dich deiner momentanen Tätigkeit ganz überlässt, kommen dir oft kreative Eingebungen. Die angestrengten Versuche, etwas erreichen oder lösen zu wollen, führen hingegen oft nicht zum Ziel. Kreativität beginnt, wenn wir die gewohnten Gedankenschienen verlassen. Es öffnet sich ein Raum von Stille, ohne Denken.

Loslassen bedeutet also nicht, unser Wissen oder unsere Fähigkeiten zu verlieren, sondern nur, dass wir die Aufmerksamkeit davon abziehen, um uns dem zu überlassen, was gerade entstehen will.

Alles entsteht und vergeht

Was bringt uns dazu, unsere Konzepte vom Leben loszulassen? Das ist die Erkenntnis, dass alles, was uns beschäftigt, vergänglich und flüchtig ist. Nichts bleibt. Nichts können wir halten.

Daher gilt die Kontemplation über das Werden und Vergehen der Dinge als eine der zentralen spirituellen Praktiken.

Dabei geht es nicht nur um die Vergänglichkeit des Körpers. Es geht auch darum, dass alle Erscheinungen flüchtig sind. Sie entstehen und vergehen von Augenblick zu Augenblick.

Wenn wir erkennen, wie flüchtig und vergänglich das ist, worum wir im Leben kämpfen und wovon wir uns gefangen nehmen lassen, entsteht die Frage: wer bin ich wirklich - wenn ich nicht bin, wofür ich mich halte?

​Loslassen und leer werden bedeutet zurücktreten

Die spirituelle "Arbeit" besteht im Wegnehmen. Wir treten zurück von dem, was die Aufmerksamkeit normalerweise vereinnahmt. 

Innere und äußere Objekte umgeben uns. Im Alltag denken wir an "etwas" oder "jemand" und beschäftigen uns damit.  Nun ziehen wir die Aufmerksamkeit davon ab. Was bleibt?

Reines Aufmerksam-Sein

Dann bleibt nur noch reines Aufmerksam-Sein, ohne auf etwas Bestimmtes zu achten. Aufmerksamkeit pur. Mein spiritueller Lehrer ​Richard Stiegler​ nennt das Lauschen. Das ist eine offene, weite Aufmerksamkeit. Sie ist in nichts verstrickt. Sie einfach nur wach, interessiert und wohlwollend - allem gegenüber, sowohl dem Angenehmen, wie auch dem Unangenehmen.

​Aufmerken auf die Präsenz

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Wir schauen nicht mehr auf die Objekte und ihre Oberflächen. Wir richten die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit selbst. Johannes vom Kreuz nannte das Liebendes Aufmerken auf Gottes Gegenwart.

Diese Präsenz ist in jedem Augenblick enthalten. Wir erkennen in den Dingen also nicht nur die Dinge an sich. Wir sehen sie als Ausdruck der Präsenz, die in ihnen aufscheint. 

Man könnte sagen: wir sehen die Schönheit der Dinge, wenn wir sie mit dem inneren Auge des Herzens sehen.

Den Atem spüren

Spürst du zum Beipsiel jetzt deinen Atem, wie er kommt und geht, dann bist du dir deines Atems bewusst. Hörst du ein Geräusch, bist du dir des Geräusches bewusst. Hast du einen Gedanken, bist du dir des Gedankens bewusst. Was immer im Geist gerade geschieht. Es gibt immer ein gemeinsames Element, das gleich bleibt: sich dessen bewusst zu sein.

Meistens achten wir jedoch nicht auf das Bewusstsein, sondern auf den Inhalt unseres Bewusstseins. Wir beschäftigen uns sofort mit den Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen und merken in der Regel nicht, dass wir uns dessen zunächst einmal bewusst sind.

​Erforschen, was im Bewusstsein auftaucht

Wir können dieses Bewusstsein noch genauer betrachten. Ändert es sich, wenn wir eine angenehme oder unangenehme Erfahrung machen?

Ist das Bewusstsein selbst davon berührt, ob ein freudiger oder ein wütender Gedanke auftaucht? Natürlich nicht. Wir sind uns der angenehmen genauso wie der unangenehmen Erfahrung, des wütenden oder freudigen Gedankens bewusst.

Es gibt also etwas in jeder Erfahrung, das immer gleich bleibt: Bewusstsein. Es ist nicht greifbar wie ein Objekt und es hat keine Merkmale, die wir beobachten und beschreiben können. Aber es gehört zu jeder Erfahrung, die wir machen.

Bewusstsein kann sich mit jedem Gegenstand verbinden. Es ist offen und bereit für alles. Und doch bleibt es selbst völlig unberührt davon.

​Bewusstsein ist wie ein Spiegel

Es ist wie ein Spiegel. Der Spiegel kann jeden Gegenstand unterschiedslos in sich aufnehmen und ihn widerspiegeln. Er selbst jedoch bleibt vollkommen leer und unberührt.

Halte am Ende der Lektüre dieses Beitrags einen Moment inne und betrachte, wie deine augenblickliche Erfahrung, dein Atem, deine Körperempfindungen und deine Gedanken im Raum des Bewusstseins auftauchen, entstehen und vergehen.

​Einstieg in die Praxis

​Jeden Sonntag biete ich von 18.15 - 19.00 Uhr eine Online-Meditation an. Hier erfährst du mehr darüber.


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