Michael S​​​​eibt

Ich habe mich beruflich und persönlich mehrmals in meinem Leben neu erfunden.

Es fing damit an, dass ich Arzt werden wollte. Ich konnte aber kein Einser-Abi vorweisen. Aufs Studium musste ich viele Jahre warten...

Ich entschied mich zunächst mal fürs „Handwerk“: die Krankenpflege. Ich versorgte Wunden, machte Betten, reichte Medikamente und sprach mit den Patienten.

Dann kam es doch zum Studium. Es wurde Theologie. Auf ihre Art ist das auch eine heilsame Wissenschaft. In den Gemeinden, in denen ich als Pfarrer tätig war, besuchte ich ältere Menschen, unterrichte Kinder und Jugendliche, gestaltete Gottesdienste, predigte oft mit Herzblut.

Die Kirche erlebte ich als große, träge Einrichtung. Es wurde mir zu eng.

Ich erfand mich nochmals neu:

Ich studierte Kommunikationswissenschaften und Journalismus. Ich wollte an die Öffentlichkeit. Es blieb beim Studium.

Inzwischen war ich verheiratet und es kamen nach und nach vier Kinder zur Welt. Das Pfarramt gab der Familie finanzielle Sicherheit und nicht zuletzt: ein großes Pfarrhaus. Meine Frau konnte sich den Kindern widmen.

Ich arbeitete und funktionierte als Pfarrer, wie man es von mir erwartete. Ich hatte keine Vorbilder für diesen Beruf. In meiner Familie war niemand Pfarrer. Irgendwann ging es nicht mehr.

Nun erfand ich mich auch privat neu.

Ich trennte mich von meiner Frau. Das war eine schwierige Lebensphase. Ich spürte den hohen moralischen Anspruch meines Berufs. Ich wagte lange nicht, zu meinen Gefühlen zu stehen.

Der Durchbruch kam plötzlich.

Ich verliebte mich neu. Und trennte mich von meiner Frau. Dann auch nach und nach von meinem Beruf. Ich beendete die Gemeindearbeit und arbeitete in der Schule und dann mit Studierenden im Hochschulpfarramt an der Universität Tübingen. 

In der Tübinger Stiftskirche predigte ich einmal so aufregend, dass die Leser der Lokalzeitung ein halbes Jahr lang über diese Predigt diskutierten. 80 Zuschriften sind erschienen. Darunter äußerten sich viele, die der Kirche ferne standen.

Sie stimmten begeistert zu: endlich sagt mal ein Pfarrer, was ich schon lange so empfinde. Endlich muss ich mal nicht meinen Verstand gegen den Glauben auswechseln. Die Kirchentreuen schrieben von Verrat am Evangelium und an der Bibel. Mir wurde klar, dass meine Zukunft nicht mehr in der Kirche sein würde.

Ich erfand mich noch einmal neu.

Ich reduzierte auf eine halbe Stelle und ging in die Seelsorge an einer psychiatrischen Klinik. Also wieder wie am Anfang: das Krankenhaus. Gleichzeitig bildete ich mich weiter zum Lehrer für Stressbewältigung durch Achtsamkeit und zum Supervisor und Coach für Menschen mit beruflichen Anliegen.

Nun kommt bald der Ruhestand als Pfarrer, aber ich werde in den neuen Berufen weiter arbeiten, solange es geht und ich Freude daran habe.

Meine Leidenschaft war immer: Nützlich und hilfreich zu sein für das große Ganze, das Gemeinwohl und das Leben auf diesem wunderbaren und verletzlichen Planeten.

Die Erfahrungen meiner beruflichen und persönlichen Biografie fließen in meine beraterische und begleitende Arbeit ein.

Es ist möglich,

  • sich immer wieder neu zu erfinden.
  • sich innerhalb des Berufs zu verändern oder den Beruf zu wechseln
  • persönliche Krisen zu meistern

Denn: Ich bin stets mehr als ich über mich zu denken wage. Eine Quelle der Inspiration ist für mich die kontemplative Praxis, bekannt auch als Achtsamkeit oder Meditation.