27.10.2020

Folge 15: Wohin mit den Gefühlen?

Allgemein

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Wohin mit den Gefühlen?

Die Frage stellt sich mir gerade besonders drängend. Wir leben in emotional anspruchsvollen Zeiten. Sorgen und Ängste nehmen zu. Wohin mit den Gefühlen? Miteinander zu reden - das scheint immer schwieriger zu werden. Konfrontationen und Missverstehen häufen sich. Ganze Gesellschaften polarisieren sich. Der Ton in den sozialen Medien wird rauer.

In diesem Beitrag lasse ich dich ein bisschen hinter die Kulissen meines eigenen Umgang mit Gefühlen blicken.

Ich blendete meine Gefühle aus

Es mag vielleicht merkwürdig klingen: Ich habe viele Jahre meines Lebens verbracht, ohne meine Gefühle wirklich wahrzunehmen. Ich ließ mich mehr oder weniger von außen bestimmen und tat, was man eben tut, um den Erwartungen anderer zu entsprechen und einigermaßen konfliktfrei durchzukommen.

Ich versuchte, um des “lieben Friedens willen” den eigentlich fälligen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Dafür zahlte ich einen hohen Preis: Ich blendete meine Gefühle aus und verlor meine Lebensfreude.

Den Gefühlen zuhören

Ich war bereits 50 Jahre alt, als ich merkte, dass es so nicht weiterging. Meine unbekannten Gefühle meldeten sich so stark, dass ich ihnen endlich zuhören musste.

Ich begann, meine Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Dabei half mir die Teilnahme an einem Kurs, der in die Haltung und Praxis von Achtsamkeit und Meditation einführte. 

Gefühle dürfen sich zeigen

In diesem Kurs lernte ich, eine neue Haltung gegenüber meiner inneren Welt einzunehmen. Ich erlaubte meinen Gefühlen, sich zu zeigen. Ich hielt inne und begann damit, täglich zu meditieren. Zum ersten Mal wurde mir der innere Aufruhr in meiner Seele bewusst. Ich fühlte meinen Ärger, der sich manchmal zur Wut steigerte.

Dann wieder schlug das Pendel in die andere Richtung und ich fühlte eine große Traurigkeit. Ich hatte noch wenig Erfahrung im Umgang mit solchen Gefühlen und tat Dinge, die ich heute nicht mehr tun würde. Ich beschwerte mich und beklagte mein Schicksal. Besser wurde dadurch nichts.

Gefühle? Auch der Pfarrer wusste nicht wohin damit

Den Beruf des Pfarrers bezeichnet man auch als “Seelsorger”. Aber offen gesagt: Ich hatte im akademischen Studium nicht gelernt, mit der eigenen inneren Welt umzugehen. Ich sammelte viel durchaus nützliches Wissen über das historische Gottesbild und die Welt. Doch kannte ich mich selbst kaum. Deshalb konnte ich andere Menschen auch nicht dabei begleiten, mit ihrer seelischen Innenwelt umzugehen.

Ich war unzufrieden damit, wie ich lebte und arbeitete. Es fühlte sich irgendwie fremd an. Lange Zeit änderte sich daran nichts, bis schließlich der Punkt kam, an dem der Knoten platzte. Das geschah als ich meine Gefühle allmählich kennenlernte und ernst nahm.

Mich und meine Gefühle aushalten

Neben der Meditation erschloß sich mir auch "inneres Erforschen". Dabei wende ich mich meinen Gefühlen zu. Ich bekämpfe sie nicht und vermeide sie nicht. So lernte ich, es bei und mit mir selbst auszuhalten. Das war manchmal ganz schön schwierig.  Denn ich war gewohnt, von mir wegzulaufen und mich auf kluge Gedanken zu konzentrieren. “Rationalisieren” - das war die Strategie, die ich unbewusst verfolgte. Im Kopf wusste ich, was Sache ist. Doch der Zugang zu meinem eigenen Körper, zu den Gefühlen und zur seelischen Innenwelt war mir verschlossen.

Klimawandel in der Seele

Allmählich änderte sich das innere Klima in meiner Seele. Dafür tat ich eigentlich gar nichts. Ich kapitulierte einfach und gab meine Anstrengungen auf. Ich saß einfach nur da und übte mich im Spüren, Fühlen, Atmen und Beobachten. Ich war gewohnt, immer nützlich und tätig zu sein. Es war sehr herausfordernd, mich selbst und meine Erfahrungen in Ruhe zu lassen und überhaupt erst zu bemerken, was in mir vorging.

Wohin mit den Gefühlen? Sie sind deine inneren Familienmitglieder!

Das entfaltete eine heilsame Wirkung. Mehr und mehr breitete sich eine offene, annehmende Grundhaltung in mir aus. Meine Gefühle waren keine Gegner mehr. Ich lernte sie kennen und schätzen. Sie wurden mir zu “inneren Familienmitgliedern”, die alle gebraucht wurden und etwas zum Ganzen beizutragen hatten. Ich schaute ihnen interessiert und neugierig zu und lernte, sie zu erforschen und zu befragen.

So wuchsen die Mitglieder meiner inneren Familie allmählich zu einem Team zusammen. In diesem inneren Team hatten alle ihre Rolle und ihre Aufgabe. Die Wertschätzung für jedes Mitglied meiner inneren Familie dankten sie mir, indem sie sich nicht mehr so extrem verhielten wie bisher.

Sie mussten nicht mehr um Aufmerksamkeit bei mir kämpfen. Die bekamen sie jetzt.

Ärger, Wut und Traurigkeit

Dadurch konnten sie sich offenbar entspannen. Das erlebte ich als innere Ruhe und seelische Harmonie. Zwar verschwanden die “schwierigen” Familienmitglieder wie Ärger, Wut und Traurigkeit keineswegs. Dafür geschah etwas ganz Anderes: Sie wurden mir zu Verbündeten und halfen mir, bewusst und authentisch zu leben. Ich lernte Seiten von mir kennen, die mir bis dahin verschlossen waren.

Willst du mehr darüber erfahren?

Ich habe zu diesem Thema ein Buch geschrieben. Das findest du hier auf Amazon.

Ich empfehle dir auch meinen Onlinevortrag Meine innere Welt verstehen. Erfahre mehr darüber,

  • wie du Zugang zu deinen Gefühlen findest
  • wie du gut mit dir selbst und den inneren Familienmitgliedern deinr Seele umgehst
  • wie du den Dialog deiner Persönlichkeitsanteile moderierst
  • wie du auf achtsame und wertschätzende Weise alle inneren Kräfte in dir anerkennst
  • wie du eine Therapie selbst unterstützen und möglicherweise sogar darauf verzichten kannst.


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Ich habe viel von Richard Stiegler gelernt. Hier geht es zu seiner Webseite.

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