6.09.2020

Folge 8: Zwei Arten von Bewusstsein

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In diesem Beitrag erfährst du

  • was der Unterschied ist zwischen den Inhalten unseres Bewusstseins und dem Bewusstsein selbst
  • warum der Verstand nicht alles verstehen kann
  • wie man sich des Bewusstseins bewusst werden kann
  • wieso unser Ich-Gefühl ein flüchtiges Phänomen im Bewusstsein ist

Zwei Arten von Bewusstsein

Wir können zwischen dem Inhalt unseres Bewusstseins und dem Bewusstsein selbst unterscheiden. Der Inhalt besteht aus dem, was wir erleben. Wir nehmen "etwas" wahr: Gegenstände, andere Menschen, Farben, Stimmungen, Gedanken usw.

Alles, was wir wahrnehmen, benennen und beschreiben können, sind Objekte in unserem Bewusstsein. Dazu gehören sowohl äußere wie auch innere Objekte. Ein Gefühl ist z.B. ein inneres Objekt, ein Stuhl ein äußeres Objekt der Wahrnehmung.

Diese inneren und äußeren Erscheinungen oder Phänomene tauchen i auf und sie verschwinden auch wieder. So entsteht Platz für neue Objekte. Immer bezieht sich diese Art des Bewusstseins auf Formen, die man beobachten und beschreiben kann.

Im Alltag sind wir hypnotisiert von den Formen

Wir sind meistens von diesen Erscheinungen des Lebens vereinnahmt, ja regelrecht hypnotisiert. Manche dieser Phänomene erscheinen stabil und dauerhaft, andere sehr flüchtig. Mit einigen dieser Formen identifizieren wir uns, z.B. mit unserem Körper. Wir glauben, dass wir dieser Körper sind. Andere Formen sind nicht so wichtig für uns.

Alles taucht im Bewusstsein auf

Alle Formen oder Objekte tauchen im Bewusstsein auf und verschwinden wieder. Auch der Körper, für den wir uns halten. Sie hinterlassen keine Spur im Bewusstsein. Denn das Bewusstsein kann Formen nur aufnehmen wie ein Spiegel. Auf einem Spiegel bleibt nichts zurück. Kein Objekt kann den Spiegel trüben oder verletzen. Es bleibt keine Spur zurück. Der Spiegel ist "leer". Er spiegelt nur wieder, was sich ihm gerade zeigt.

Man könnte einwenden, dass unsere Erfahrungen doch Spuren hinterlassen. Sind denn nicht unsere schmerzlichen und schönen Erinnerungen solche Spuren? Aber auch für Erinnerungen gilt: sie sind innere Objekte, die wir wahrnehmen können. Sie trüben den Spiegel  nicht.

Bewusstsein hat keine Form

Die zweite Art des Bewusstseins bezieht sich nicht auf Inhalte oder Formen, sondern auf das Bewusstsein selbst. Es ist wie der Spiegel.

Hier ist noch ein anderes Bild hilfreich: Gold an sich hat keine bestimmte Form. Erst wenn es z.B. zu einem Ring verarbeitet wird, nimmt es eine bestimmte Form an. Gold kann sich in verschiedene Formen gießen lassen. So ist auch Bewusstsein formlos und kann sich in jeder Form zeigen.

In diesem Sinn ist Bewusstsein die Bedingung der Möglichkeit für jede Erfahrung, die wir machen. Bewusstsein macht die Wahrnehmung von Objekten und Formen überhaupt erst möglich.

Der Verstand kennt nur die Welt der Formen

Für unseren Verstand ist das schwer begreiflich. Er bewegt sich in der Welt der Formen. Er untersucht und analysiert sie. Der Verstand bezieht sein Wissen aus dem, was er erfahren und messen kann. Das Bewusstsein an sich ist aber keine Erfahrung wie jede andere. Da es keine Form hat, lässt es sich auch nicht beschreiben. Was der Verstand nicht versteht, ist ihm fremd und daher wertet er es gerne ab. Er nennt es z.B. "esoterisch" oder "unwissenschaftlich". Alles Spirituelle gehört dann in diese Schublade.

Verstand und Spiritualität brauchen sich

Das ist freilich ein künstlicher Gegensatz. Es braucht nur eine klare Unterscheidung, dann wird deutlich, dass Verstand und Spiritualität sich nicht ausschließen. Der Verstand erkennt die Welt der Formen und Phänomene. Er erkennt aber nicht das Bewusstsein selbst.

Spiritualität lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was eine Erfahrung überhaupt erst ermöglicht: Bewusstsein ist das Subjekt der Erfahrung. Es ist das, was wahrnimmt. Das Subjekt können wir nicht erfahren, wir können es nur sein.

Sich des Bewusstseins bewusst werden

Es ist aber möglich, uns des Bewusstseins bewusst zu werden und zwar dadurch, dass wir von den Objekten zurücktreten. Der Fokus der Aufmerksamkeit verschiebt sich dann von den Objekten und Formen weg zu dem, was wahrnimmt. Wir schauen nicht mehr so sehr auf die Inhalte. Stattdessen sind wir ganz Wahrnehmung, ungerichtet und offen. Man nennt dieses Erkennen des formlosen Bewusstseins auch "Gewahrsein", also ganz "Wahrnehmung sein", ganz atmen sein, ganz spüren sein usw. Im Gewahrsein sind wir eins mit offenem, unberührtem Bewusstsein.

Kein Ich

Obwohl also Bewusstsein das Subjekt jeder Erfahrung ist, kennt es kein Ich. Der Ich-Gedanke oder das Ich-Gefühl ist nur ein Objekt des Verstandes, das im Bewusstsein erscheint. Der Spiegel im Bad ist nicht davon berührt, wenn wir morgens verschlafen hineinschauen. So bleibt Bewusstsein völlig unberührt von unserem Gefühl, eine unabhängige, vom Rest der Welt getrennte Person zu sein.

Bewusstsein ist transparent und still

Bewusstsein selbst ist unberührt von dem, was in den Spiegel schaut. Es ist transparent, es scheint durch alles hindurch. Wir können es auch mit Stille in Verbindung bringen. Bewusstsein reagiert nicht, wertet nicht, denkt nicht. Es ist still und damit vollkommen offen für alles. Letztlich ist es das, was wir meinen, wenn wir von "göttlicher Gegenwart" oder "Gott" sprechen.

Gott ist formlos

Unter "Gott" verstehen wir solange "etwas", wie der Verstand glaubt, etwas darüber wissen zu können. Doch Gott ist ebenso wie Bewusstsein kein Ding, kein Etwas. Aus dem Grund soll man sich "kein Bild" von Gott machen. Denn jedes Bild engt die offene Realität ein. So entstehen Religionen, die ihre Gedankengebäude zur göttlichen Offenbarung erklären. Am Ende streiten wir uns um Gedankenformen, die lediglich in unserem Bewusstsein auftauchen. Letztlich geht es darum, zu erkennen, dass alle Inhalte und Formen flüchtig sind. Bewusstsein oder Gott: das bleibt.

Willst du mehr erfahren?

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Mehr über transpersonale Prozessarbeit und inneres Erforschen erfährst du auf der Seite von Richard Stiegler.

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